Fehlzeiten nach Dauergruppen

Fehlzeiten nach Dauergruppen

Kurzzeit- oder Langzeiterkrankung: Wie analysiere ich Fehlzeiten nach Dauergruppen richtig?

Fehlzeiten werden je AU-Fall in Dauergruppen klassiert: 1–3, 4–7, 8–14, 15–41 und 42+ Tage. Viele Kurzfälle und wenige Langzeitfälle erzeugen dieselbe Krankenquote, haben aber verschiedene Ursachen. Nach sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit endet die Entgeltfortzahlung; wer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig ist, dem muss der Arbeitgeber ein BEM anbieten.

Die fünf Dauergruppen und ihre Bedeutung

GruppeDauer (Tage)Typisches BildRechtliche Schwelle
Kurzzeit1–3Häufige Kurzerkrankungen; bei Häufung Frühindikator für Belastung oder MotivationsproblemeAU-Bescheinigung i. d. R. erst ab Tag 4 nötig (§ 5 EntgFG)
Kurz–Mittel4–7Typische akute Erkrankungen bis etwa eine WocheÄrztliche AU-Bescheinigung liegt vor
Mittel8–14Längere akute Verläufe bis etwa zwei Wochen—
Lang15–41Längere Erkrankungen innerhalb der EntgeltfortzahlungNoch innerhalb der 6-Wochen-Entgeltfortzahlung (§ 3 EntgFG)
Langzeit42+Langzeiterkrankung; häufig chronische oder psychische ErkrankungenEntgeltfortzahlung endet, Krankengeld beginnt (§ 44 ff. SGB V); BEM-Anspruch (§ 167 Abs. 2 SGB IX)

Warum erklärt die Krankenquote allein nichts?

Zwei Unternehmen mit je 100 Beschäftigten und identischer Krankenquote von 5 Prozent können völlig verschiedene Probleme haben: Im ersten sammeln sich hunderte Ein- bis Drei-Tage-Fälle — ein Muster, das auf Arbeitsbelastung, Führungsklima oder schlicht Infektwellen deuten kann. Im zweiten stemmen fünfzehn Langzeitfälle fast die gesamte Ausfallzeit — hier geht es um chronische Erkrankungen, Wiedereingliederung und BEM.

Die Quote ist der Fieberwert, die Dauergruppen-Analyse die Diagnose: Je AU-Fall wird die Dauer bestimmt (Enddatum minus Beginndatum) und der Fall einer von fünf Klassen zugeordnet. Ausgewertet werden dann zwei Verteilungen — Anzahl der Fälle je Gruppe und Anzahl der Tage je Gruppe. Beide zusammen ergeben das Bild: Kurzfälle dominieren fast immer die Fallzahl, Langzeitfälle fast immer die Tage.

Voraussetzung sind AU-Einzelfälle mit Beginn und Ende — eine bloße Jahressumme an AU-Tagen reicht für diese Analyse nicht. Wer nur Summen aus der Entgeltabrechnung hat, sollte die Einzelfall-Erfassung als ersten Ausbauschritt des Reportings einplanen.

Was passiert nach sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit?

Nach sechs Wochen ununterbrochener Arbeitsunfähigkeit endet die Entgeltfortzahlung des Arbeitgebers (§ 3 EntgFG). Ab dann zahlt die Krankenkasse Krankengeld — in der Regel 70 Prozent des Bruttoentgelts, höchstens 90 Prozent des Nettoentgelts (§ 47 SGB V). Für die Kostenrechnung des Unternehmens ist der 42. Tag also eine echte Zäsur; für die betroffene Person bedeutet er einen spürbaren Einkommensverlust.

Zeitgleich entsteht die BEM-Pflicht: Wer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig ist, dem muss der Arbeitgeber ein Betriebliches Eingliederungsmanagement anbieten (§ 167 Abs. 2 SGB IX). Wichtig: Die Schwelle gilt auch bei wiederholten kurzen Erkrankungen, die sich über zwölf Monate summieren — nicht nur bei einem durchgehenden Langzeitfall. Genau deshalb braucht die BEM-Ermittlung dieselben AU-Einzelfalldaten wie die Dauergruppen-Analyse.

Für die Auswertung empfiehlt sich deshalb, die Gruppe „42+“ immer separat auszuweisen: Sie ist gleichzeitig Kostentreiber, Krankengeld-Übergang und BEM-Auslöser — die eine Zahl, die Geschäftsführung, HR und Betriebsrat gleichermaßen betrifft.

Wie lesen Sie Kurzzeitmuster, ohne Beschäftigte unter Generalverdacht zu stellen?

Eine auffällige Häufung von Ein- bis Drei-Tage-Fällen ist ein Signal, aber kein Beweis: Sie kann auf Überlastung, Konflikte im Team oder Führungsprobleme hindeuten — genauso aber auf eine Grippewelle, Kita-Schließzeiten oder schlicht saisonale Effekte. Seriöse Analyse vergleicht deshalb immer über die Zeit (gleicher Zeitraum Vorjahr) und zwischen vergleichbaren Einheiten, bevor sie Schlüsse zieht.

Der Bradford-Faktor — Häufigkeit² × Gesamttage — ist ein verbreitetes Instrument, um häufige Kurzabwesenheiten stärker zu gewichten als seltene lange. Er taugt als Screening auf Ebene von Organisationseinheiten; als Bewertungsinstrument für Einzelpersonen ist er umstritten und im deutschen Arbeitsrecht mit Vorsicht zu genießen. Empfehlung: aggregiert als Frühwarnsignal nutzen, nie als individuelle Maßzahl kommunizieren.

Auf der Maßnahmenseite gehören Kurzzeitmuster in die Verhältnisprävention: Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, Führungskräfte-Sensibilisierung, Arbeitsorganisation. Wer stattdessen mit Anwesenheitsprämien oder Krankenrückkehr-Druck reagiert, verschiebt Fehlzeiten in den Präsentismus — Anwesenheit trotz Krankheit, deren Kosten die BAuA als mindestens gleichrangig mit dem Absentismus einordnet.

Was hilft, wenn Langzeitfälle die Ausfalltage dominieren?

Dominieren die Gruppen 15–41 und 42+ die Ausfalltage, verlagert sich der Hebel vom Programm zur Einzelfallarbeit: konsequentes BEM-Angebot an alle Berechtigten, stufenweise Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell und Kontakthalten während der Erkrankung — freiwillig, fürsorglich, ohne Druck.

Ein struktureller Treiber langer Falldauern sind psychische Erkrankungen: Die TK weist im Langzeittrend einen Anstieg der Fehlzeiten durch psychische Störungen um 159 Prozent seit 2006 aus (altersbereinigt, TK Gesundheitsreport 2025). Psychische Diagnosen führen zu überdurchschnittlich langen Falldauern — wer viele 42+-Fälle sieht, sollte die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung und entsprechende Präventionsangebote priorisieren.

Wichtig für die Interpretation: Wenige Langzeitfälle können eine kleine Belegschaft statistisch dominieren. Ein einziger Zwölf-Monats-Fall entspricht bei 20 Beschäftigten rund fünf Prozentpunkten Krankenquote (1 von 20 Personen fehlt das ganze Jahr) — Trends in kleinen Einheiten deshalb nie an einem Jahr festmachen.

Ist die Dauergruppen-Analyse datenschutzrechtlich zulässig?

Ja — die Dauergruppen-Analyse ist zulässig, weil und solange sie aggregiert bleibt: Fälle und Tage je Gruppe, je Auswertungseinheit — nie Namen, nie Diagnosen, nie Einzelfall-Verläufe im Reporting. Denn AU-Daten sind Gesundheitsdaten nach Art. 9 DSGVO.

Wir empfehlen eine Mindestgruppengröße von fünf Personen (eine verbreitete Konvention, keine gesetzliche Zahl): Eine Auswertungszelle (etwa „Abteilung X, Gruppe 42+“) wird unterdrückt, wenn weniger als fünf Beschäftigte dahinterstehen — sonst ist die Langzeiterkrankung einer konkreten Person faktisch identifizierbar. Gerade bei Langzeitfällen in kleinen Abteilungen ist das schnell der Fall; das Reporting fällt dann eine Ebene gröber aus (Standort statt Abteilung).

Die namentliche Ermittlung BEM-berechtigter Personen ist davon getrennt zu betrachten: Sie ist als gesetzliche Pflichtaufgabe zulässig, gehört aber in einen zugriffsbeschränkten HR-Prozess — nicht in Kennzahlen-Berichte.

Passende Maßnahmen & Themen

Das Wichtigste in Kürze

  • Gleiche Krankenquote, verschiedene Diagnose: Erst die Dauergruppen (1–3 / 4–7 / 8–14 / 15–41 / 42+) zeigen, was die Fehlzeiten treibt.
  • Immer beides auswerten: Fälle je Gruppe (Kurzfälle dominieren) und Tage je Gruppe (Langzeitfälle dominieren).
  • 42+ separat ausweisen: Ende der Entgeltfortzahlung (§ 3 EntgFG), Krankengeld (§ 47 SGB V) und BEM-Anspruch (§ 167 SGB IX) fallen zusammen.
  • BEM-Schwelle gilt auch für summierte Kurz-AU innerhalb von 12 Monaten — nicht nur für durchgehende Langzeitfälle.
  • Kurzzeitmuster → Verhältnisprävention und GBPsych; Langzeitmuster → BEM und stufenweise Wiedereingliederung.
  • Psychische Erkrankungen treiben lange Falldauern: +159 % Fehlzeiten seit 2006 (TK, altersbereinigt).
  • DSGVO: nur aggregiert auswerten, Zellen unter 5 Personen unterdrücken — gerade bei 42+ in kleinen Einheiten.

Häufige Fragen

Ab wann muss eine AU-Bescheinigung vorliegen?+

Gesetzlicher Standard: Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage, muss spätestens am darauffolgenden Arbeitstag eine ärztliche Bescheinigung vorliegen (§ 5 EntgFG). Der Arbeitgeber kann die Vorlage auch früher verlangen. Deshalb sind Ein- bis Drei-Tage-Fälle in den Daten oft untererfasst, wenn nur bescheinigte AU-Fälle gezählt werden — bei der Interpretation der Kurzzeit-Gruppe berücksichtigen.

Zählen bei der Sechs-Wochen-Grenze des BEM Kalender- oder Arbeitstage?+

§ 167 Abs. 2 SGB IX spricht von „länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig“ innerhalb eines Jahres und nennt keine Tageszahl. Ob Kalender- oder Arbeitstage zählen, ist nicht höchstrichterlich geklärt. Bei einem durchgehenden Fall ist der Unterschied gering; bei vielen wiederholten kurzen AU-Zeiten kann er darüber entscheiden, ob die Schwelle schon erreicht ist. Empfehlung: großzügig zählen (im Zweifel BEM anbieten) — ein zu früh angebotenes BEM ist kein Risiko, ein unterlassenes schon.

Was ist der Bradford-Faktor und sollten wir ihn nutzen?+

Bradford-Faktor = Anzahl der AU-Episoden² × Gesamttage. Er gewichtet häufige Kurzabwesenheiten stark über und macht Kurzzeitmuster sichtbar, die in reinen Tages-Summen untergehen. Sinnvoll als aggregiertes Frühwarnsignal je Organisationseinheit; ungeeignet und rechtlich heikel als individuelle Bewertungs- oder Sanktionsgrundlage.

Unsere Kurzzeitfälle häufen sich in einer Abteilung — was tun?+

Erst validieren, dann handeln: Vorjahresvergleich und Saisoneffekte prüfen, Mindestgruppengröße beachten. Bestätigt sich das Muster, ist der nächste Schritt keine Einzelfall-Kontrolle, sondern die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung für diesen Bereich plus ein strukturiertes Gespräch mit der Führungskraft über Arbeitsorganisation und Klima.

Dürfen wir mit erkrankten Beschäftigten während der AU Kontakt aufnehmen?+

Grundsätzlich ja — als Fürsorge, nicht als Kontrolle: keine Diagnose-Fragen, keine Arbeitsaufforderungen, keine Genesungsfristen. Richtig gestaltet wird Kontakthalten von vielen Erkrankten als wertschätzend erlebt und erleichtert die Rückkehr. Standardisierte Rückkehrgespräche können der Mitbestimmung des Betriebsrats unterliegen — Details und Formulierungshilfen im BEM-Kompass-Ratgeber „Kontakt bei Krankschreibung“.

Dauergruppen automatisch auswerten

EasyBGM klassiert AU-Fälle automatisch in Dauergruppen, meldet BEM-Kandidaten vorsorglich früher (ab 30 Krankheitstagen in 12 Monaten, Wochenenden innerhalb einer Krankschreibung zählen mit) und hält die Mindestgruppengröße ein — ohne Excel-Handarbeit.

Quellen

Stand: 2026-07-07. Keine Rechts- oder Steuerberatung — im Einzelfall fachlich prüfen lassen.

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